Back Down to Earth

[Buchrezension] Elf Leben - Mark Watson

Vielleicht hätte sie morgen sowieso alles hingeworfen, aber jetzt ist der Moment - weil Roger sich über ihren Gang zur Toilette geärgert hat, weil er verstimmt war wegen einer SMS, versehentlich an ihn geschickt wegen eines ungewohnten Handys, das im Einsatz war, weil ein anderes Handy gestohlen wurde, weil ein Junge im Restaurant gefeuert wurde infolge eines Wutanfalls, hervorgerufen durch eine schlechte Zeitungskritik, die angeheizt wurde vom Zorn über eine Prügelei, die Xavier an jenem kalten Tag vor ein paar Wochen nicht verhindern konnte.

Inhalt:
Xavier Ireland ist Radiomoderator einer Late Night-Show und hat eine Reihe von Fans, aber keine Freundin. Deshalb überredet ihn ein Freund, beim Speed Dating teilzunehmen - aber alles, was dabei herauskommt, ist eine neue Putzfrau für Xavier. Doch gerade die, und das hätte er nie gedacht, bringt Dinge ins Rollen, die schon lange nicht mehr gerollt sind und zeigt ihm endlich wieder einmal, wo es lang geht und was zu tun ist. Und während Xavier anfängt, nicht mehr alles so hinzunehmen wie es grade ist, nehmen die Dinge im Hintergrund ihren Lauf, wie Dominosteine in einer Reihe gehören sie zusammen - und ihr Anfang liegt ganz allein bei ihm.

Buchaufmachung:
Der Umschlag des Buches erweckt beim Leser eigentlich eher kein Interesse, aber das Radio passt einigermaßen zur Story, weil sich relativ viel um Xaviers Radiosendung und sein davon viel beeinflusstes Leben dreht. Trotzdem hätte ich eine Andeutung auf die Ereignisse, die eine Kette bilden, auch sehr gern verbildlicht gesehen.
Der Umschlag ist rau und fühlt sich ungewohnt gut an. Das Buch, das darunter zum Vorschein kommt, ist in einem sehr schönen Dunkelblau gehalten.

Meine Meinung:
Bevor ich begann, dieses Buch zu lesen, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet und ich ließ mich einfach überraschen, ohne irgendwelche Rezensionen gelesen zu haben. Und was soll ich sagen? Ich war und bin berührt, konnte mich in eine wunderbare Geschichte fallen lassen und war traurig, Xavier wieder zu verlassen - es war also das reinste Lesevergnügen!

Die Story fand und finde ich absolut super. Vordergründig geht es um Xavier, sein Leben und seine Probleme. Schnell wird klar, dass er ein erdrückendes Geheimnis mit sich herumträgt, das es ihm schwer macht, frei und unbeschwert zu leben. Dieses wird nach und nach mehr enthüllt, ist letztendlich aber trotzdem sehr schlimm und sehr bewegend - mir hat es beinahe das Herz zerissen und mich fast zu Tränen gerührt, weil ich so mit Xavier mitgefühlt habe.

Im Hintergrund stehen die Geschichten zehn weiterer Personen, die zwar oftmals nur angeleuchtet sind, aber nie nur schemen- oder klischeehaft rüberkommen. Alle Figuren sind sehr unterschiedlich - da ist die Psychologin, die ihren Job schon lange hasst und, nachdem sie ihn endlich hingeschmissen hat, die Geheimnisse ihrer Klienten ausplaudert. Da ist Julius, der schwere Gewichtsprobleme hat und unbedingt Geld für das Fitnessstudio hat, da ist die Kritikenschreiberin, die eine fiese Kritik über ein Restaurant schreibt, weil sie wütend ist. All diese Geschichten kommen zusammen, sind aneinander geknüpft, ohne, dass die Menschen sich kennen. Mark Watson skizziert hier wunderbar und ohne dass der Leser Verständnisschwierigkeiten hat wie alles zusammenhängt und wie eines zum anderen kommt.

Xavier ist eine sehr sympathische Hauptfigur, aber zu meiner Überraschung hat der Autor hier in keinster Weise nur die guten Eigenschaften aufgezählt - so erfährt man, dass Xavier zwar sehr loyal und nett ist, sich aber trotzdem nicht traut, den Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen oder seine Meinung offen zu vertreten. Später wird klar, warum das so ist, doch bis dahin ärgert man sich als Leser öfter über ihn - was ich hier ehrlich gesagt wunderbar erfrischend fand! Denn wer macht schon immer alles richtig?

Mark Watsons Schreibstil ist einfach und fließend und gleichzeitig auch so poetisch, dass ich die Sätze gern mehrmals gelesen und in ihrer Schönheit geschwelgt habe. Die bildlichen Beschreibungen und das sanfte Weisen in die richtige Richtung, lässt sich einem ein richtig gutes Gefühl im Bauch ausbreiten, es fühlt sich einfach toll an, wie Xavier hier leise und warmherzig von einer Person auf den richtigen Weg gebracht wird. Ich habe mir zwischenzeitlich öfter gewünscht, dass ich auch so eine habe.

Die meiste Zeit wird aus der dritten Person von Xavier erzählt, doch zwischendurch wird immer zu den anderen gewechselt, die mit einer seiner Entscheidungen zusammenhängen. Hier muss ich ein großes Lob aussprechen, denn nie wird der Perspektivenwechsel in irgendeiner Weise verwirrend, nie fühlte ich mich hängen gelassen. Zwar sind es recht viele Personen, die in dieser Geschichte auftauchen, doch durch die besonderen Merkmale und Geschichten kann man sie sich eigentlich alle sehr gut merken.

Pippa, die Putzfrau, ist selbst auch eine ganz eigenwillige und sympathische Figur, anders, ja, aber wunderbar anders. Sie sagt, was sie denkt, sie ist nicht das typische schöne, schlanke Gegenstück zum Protagonisten, sondern gut gebaut, sie ist robust, hat ihre eigene Meinung und kümmert sich liebevoll um ihre Schwester. Sie ist eine unglaublich vielfältige Person, eine, die man sofort ins Herz schließt - die Labertasche, die alles zum Leuchten und Xavier endlich wieder zum Lachen bringt. 

Das Ende des Romans fand ich einerseits komisch und andererseits auch interessant-gut. Der Leser wird mit offenem Mund zurückgelassen, man weiß nicht, was man denken und fühlen soll. Ich muss dauernd darüber nachdenken, was wohl geschehen ist, ob, wenn, aber...Ich mag offene Enden und bin deshalb recht zufrieden, aber anderen könnte das schon sauer aufstehen. Trotzdem ist der Überraschungseffekt auf jeden Fall allererste Sahne und hat mir sehr gefallen.

Fazit:
Ein etwas anderer Roman, der mir in seinem Aufbau und seiner Erzählweise total gefallen hat. Die Figuren sind klasse gestaltet, der Plot führt zu einem Abschluss und ich konnte lachen und [fast] weinen. Das ist alles, was ich zu einem 5 Sterne-Buch brauche und ich bin sehr froh, es gelesen zu haben.


Das Buch auf der Verlagswebsite: Klick

Mein herzlicher Dank dem Verlag für das Leseexemplar!
eichborn.de

  1 Kommentar:

  1. Ach hört sich das Bcuh toll an..und deine Rezension um so mehr :) Habe bisher noch nie davon gehört und nun ist es in mein Gehirn eingetacktet- gut andere würden sagen, es steht nun auf meinem WZ ;)

    LG
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